Die Wichtelei geht weiter II

Hach, in Dogville ist schon wieder Besuch da! Ich freue mich sehr über den Gastbeitrag von Martin.

Über Fußball, Leben und die Lust an der Provokation

BayernfansMontag morgen, ein Büro im München Osten. Kaum sitze ich am Schreibtisch, fällt der Blick auf mein von mir rein zufällig perfekt im Sichtfeld meines Kollegen platziertes aktuelles Mannschaftsposter des FC Bayern München: FC Bauern München steht da, fein säuberlich und doch sichtbar wurde das „y“ mit einem „u“ überklebt. In das feixende Gesicht meines Kollegen hinein, der tapfer sein Unwissen und seine Unschuld betont, sorgt meine Frage nach dem aktuellen Tabellenplatz des TSV 1859+1 München (die Zahl nach der 59 kommt mir nicht über die Lippen!) und überhaupt dem Namen der Liga, in der diese Mannschaft spielt, für den momentanen Ausgleich auf dem Spielfeld der Frotzeleien unter Fußballfans. Was bringt vernünftige Männer dazu, sich wie Kinder zu benehmen? Es muss diese spezielle Liebe zu dem Verein schlechthin sein: ihrem Verein.

Austeilen. Und einstecken.

Wer austeilt, muss auch einstecken können, murmele ich, und denke vergnügt an die wunderbaren SMS, die man selbst an fußballbegeisterte Freunde verschickt hat während diverser Fußballspiele. Natürlich, wenn deren Lieblingsmannschaft, sagen wir mal im DFB-Pokal spielt, und sich gerade in Rückstand befindet. „Sag mal, wie steht es gerade bei Euch? Gruß Martin“ ist schnell getippt dank Smartphone und in seiner Wirkung unübertroffen. Alternativ dazu kann man das ganze auch telefonisch erledigen, idealerweise zwei, drei Minuten nach dem Abpfiff: „Du sag mal, wie habt ihr denn gespielt? Ich sitz‘ hier gerade im Zug und hab nichts mitbekommen …“ Oder natürlich kleine Präsente zwischendurch, die ja bekanntlich die Freundschaft erhalten oder zumindest das Feuer der Rivalität am glimmen halten: Bonbons in der schicken roten FC-Bayern-Dose für den Werder-Fan, per „Zufall“ verstreute Match-Attax-Karten von Spielern des FC Bayern München in den Schubladen im Rollcontainer, aus „Versehen“ installierte Bildschirmschoner in Rot/Weiß, großzügig verteilte Blindenbinden.

Was hat mich bloß so ruiniert?

Wer jetzt meint, ich wäre Bayern-Fan, um anderen damit auf den Sack zu gehen oder einfach nur um zu provozieren, irrt. Ich bin Bayern-Fan, weil ich es schon immer war und bade nun aus, dass das Tal der Tränen, durch das ich als Fan seit meinem sechsten Lebensjahr mal gehen musste, maximal Platz 14 tief war, dass kein Finanzskandal den Verein seitdem erschüttert hat, dass das neue Stadion schick wurde und die Spieler in der Regel erfolgreich waren. Dass immer genug Geld und meist auch genug Fußballverstand da war, dass Intellektuelle wie Bruno Labbadia NICHT Trainer in München waren, dass das Präsidum nicht aus Vorstadtunternehmern bestand. Wobei die Niederlage gegen Manchester 1999 immer noch so schmerzt, als wäre es gestern gewesen. Sehr zur Freude meiner so called Fußballfreunde, übrigens. „Wie hieß doch gleich die Mannschaft, gegen die Bayern in der Nachspielzeit noch die Champions League verlor?“ wäre die richtige Frage zu diesem Thema. Ich bin also unschuldig und provoziere lediglich nach Kräften, um das Gleichgewicht herzustellen.

Gleichgewicht, sofort!

Zum FC Hollywood. Zu den Geldsäcken. Den Krösusen. Den Dusel-Bayern. Der Geldmaschine, die Tore schießt. Dem Verein ohne treue Fans, dem Operettenpublikum, dem Sitzplatz-Käufer und dem Schickimicki-Anhänger. Und zur Totenstille im Stadion statt Stimmung. Denn was ich seit dreißig Jahren lernen durfte, jede Woche wieder: Kein Vorwurf ist dumm genug, dass er nicht gegen meinen Verein in Stellung gebracht wird, kein Gerücht abenteuerlich genug. „Dem Jean Marie, dem Jean-Marie, dem häng‘ die Eier bis zum Knie“ sangen Fans Mitte der 80er im Stadion und zeigten, dass man auch sympathischen Belgiern wie Jean-Marie Pfaff nicht verzeihen kann, beim Münchner Verein zu spielen. Später wurde des dann wenig subtiler, 1999 fiel den Toten Hosen im Song „Bayern“ (Album: „Unsterblich“) zum Rekordmeister erwartbar selten dämliche Verse ein:

Was für Eltern muss man haben
um so verdorben zu sein,
einen Vertrag zu unterschreiben
bei diesem Scheissverein?

Wenn Bayern gewinnt, gewinnt man selbstverständlich und erwartbar, weil das ja klar gewesen sei, vorher. Wenn das Ergebnis nicht 5:1 oder 6:0 lautet, war der Sieg knapp und gegebenenfalls mit unfairen Mitteln unter größter Not mit Glück und wenig Verstand erkämpft. Wenn Bayern verliert, verliert man, weil es jetzt mit dem Verein endlich dahingehe und Zwangsinsolvenz oder Zwangsabstieg nur eine Frage der Zeit seien. Wenn Gomez über den Ball haut, ist das so sonnenklar, dass er ein „Blinder“ ist, wie das Urteil eines Stuttgarter Fans, der Luca Toni einst als technisch unbegabt abstempelte. Neid und schreiende Inkompetenz, wohin man auch blickt!

Worüber sich reden ließe

All diese Kommentare überlagern in den Gesprächen und auch in den Medien, dass der FC Bayern München durchaus Themen zu diskutieren hätte, die es wert sind: Nämlich beispielsweise, was tun ist, damit ein Proll wie Jürgen Klopp NICHT der nächste Trainer des Vereins wird – hier ist ein Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle gefragt und kein Clown! Wie man die Ticketvergabe so regeln kann, dass man als jahrzehntelanger Fan nicht üblicherweise draußen stehen muss. Ob es einen marketinggetriebenen „FC Bayern Kids Club“ (ganz üble Sache!) wirklich geben muss und was der Verein noch dafür tun kann, die Kluft zu seinen normalen Fans nicht noch weiter zu vergrößern. Ob 50 Euro ein adäquater Preis für einen mittelmäßigen Platz im Stadion sind.

Was man tun muss, damit Lothar Matthäus bis an sein Lebensende nie, nie, nie auch nur Greenkeeper wird beim FC Bayern München. Oder wie man die bei Heimspielen gerne eingesetzte berittene Polizei dazu bringt, von den Tieren abzusteigen, die sonst nur den Weg ins Stadion vollkacken. Und nicht drüber sprechen, ob Arjen Robben ein Schauspieler, Franck Ribery ein One-Hit-Wonder oder Heynckes ausgebrannt ist. Und bis das soweit ist, frage ich einfach mal: Wieviele Punkte ist Köln eigentlich von einem Relegationsplatz entfernt? Schlappe fünf, oder?

———

Bildquelle: Alexander Hauk / bayern-nachrichten.de  / pixelio.de

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4 Antworten zu “Die Wichtelei geht weiter II

  1. Pingback: Die Wichtelei geht weiter … | WELCOME TO DOGVILLE

  2. Das mag sein, dass der FC im Moment „nur“ fünf Punkte vom Relegationsplatz entfernt ist, aber wenn „ihr“ dann eure Zitter-Meisterschaft bei „uns“ feiert, wird der Klassenerhalt schon seit Spieltagen feststehen, Podolski sich bis 2016 an Köln gebdunen haben und Christoph Daum versprochen haben, sich ein für alle Mal rauszuhalten …

  3. hehe, das Damoklesschwert trägt also den Namen Daum, schön, dass auch andere Vereine sowas haben. Wobei die Wahrscheinlichkeit Matthäus-Bayern München ungemein niedriger sein dürfte als Daum-Köln, oder? 🙂

    Zitter-Meisterschaft? Da sind sie schon wieder, die unqualifizierten Attacken :))

  4. Pingback: Underground | Kasse4 – Live! Musik! Privates!

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